Hebelzertifikate verstehen und richtig handeln

Immer wieder geistern Begriffe wie Hebelzertifikate durch den Bereich der Anlagemöglichkeiten und oft sind sie dabei mit weiteren Aussagen wie „hohe Gewinne“ oder auch „große Risiken“ verbunden. Grundsätzlich weiß der Anleger, dass hierbei mit wenig Einsatz viel Geld verdient werden kann, doch wie es genau funktioniert, soll an dieser Stelle im Themenbereich "traden lernen" einmal erklärt werden.

Archimedes war der Urheber​

Das antike Universalgenie Archimedes formulierte als erster Mensch das Hebelgesetz. Angewendet wurde es ohne Zweifel schon viel früher, jedoch rein auf der physikalischen Ebene in Form eines Kraftwandlers. Übrigens soll Archimedes damals gesagt haben: „Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich werde die Welt aus den Angeln heben.“

Im Segment der Finanzen wird meist vom Leverage-Effekt gesprochen, der Hebelwirkung.

Um noch einmal die Hebelwirkung anschaulich darzustellen, kann sich eine Kinderwippe oder Kinderschaukel vorgestellt werden. Viele kennen aus ihrer Kindheit die Geschichte, das auf der einen Seite der Wippe ein schweres Kind sitzt und auf der anderen Seite ein leichtes Kind. In der Folge sitzt das schwere Kind auf dem Boden, während das leichte Kind in der Luft schwebt, meist nicht zu dessen Freude.

Hebelzertifikate

Hebelzertifikate

Wenn nun gedanklich die Wippe nur auf der Seite mit dem leichten Kind verlängert wird, kommt irgendwann der Moment, indem beide, das schwere wie das leichte Kind, im Gleichgewicht sind.

Wird die Wippe noch weiter verlängert, sitzt auf einmal das leichte Kind auf dem Boden und das schwere Kind schwebt ganz oben. So können selbst schwerste Gewichte bewegt werden.

Es kommt also vor allem auf drei Punkte an, die im übertragenen Sinne auch in der Finanzanlage die größte Bedeutung haben.

  1. Einmal der Drehpunkt, dort wo der Hebel aufliegt. 
  2. Dann der Hebel selbst. Er unterteilt sich auf die eine Seite des Drehpunkts mit der Last (Lastarm) und auf die andere Seite mit der Kraft (Kraftarm).
  3. Zuletzt die beiden Gewichte an den Enden des Hebels.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zeit oder die Geschwindigkeit. Doch nun wird der Kinderspielplatz verlassen, denn ein Hebelzertifikat ist in seiner Zusammensetzung etwas komplexer als eine Wippe.

Was sind Basiswerte, Indexstand und Bezugsverhältnisse?

​Zuerst einmal ist es wichtig zu wissen, was die Grundlagen für das Hebelzertifikat sind. Das können Aktien sein, aber auch Goldwerte oder andere handelbare Werte. Jedes dieser Hebelprodukte besitzt einen Basiswert. Auf diesen Wert werden nun von verschiedenen Emittenten Hebelzertifikate ausgegeben. Der DAX, der deutsche Aktienindex, ist eine sehr beliebte Basis für Hebelzertifikate.

Die Herausgeber der Hebelzertifikate legen nun einen eigenen Basispreis fest, der in der Vergangenheit liegt und als Referenz zum Indexstand, dem aktuellen Preis, genutzt wird, um den Preis des Hebelzertifikats zu berechnen.

Nun kommt noch das Bezugsverhältnis dazu, das mit angegeben wird. Das könnte zum Beispiel so aussehen:

Basispreis eines Dax-Hebelzertifikates: 6000 Punkte

Indexstand: 8000 Punkte

Bezugsverhältnis 1 : 100

Die Formel daraus ist (8000 – 6000) x 0,01 = 20 Euro

Das ist die Preis-Berechnung für ein Call-Hebelzertifikat, das mit einer begrenzten Laufzeit versehen ist, ein sogenanntes Knock-out-Produkt. Diesen Namen aus dem Boxsport hat das Hebelzertifikat mit Recht, denn es ist mit einer Knock-out Barriere versehen.

Bei Call-Zertifikaten ist diese Barriere meist der Basispreis. Sinkt der DAX und unterschreitet beziehungsweise ist gleich zum Basispreis, wird das Hebelzertifikat wertlos. Umgekehrt funktioniert dies bei Put-Zertifikaten, die auf eine sinkende Wertentwicklung setzen.

Doch nun zu den Gewinnmöglichkeiten

Läuft alles wie erwartet und der DAX steigt, entwickelt sich das Hebelzertifikat entsprechend im Wert. Als Beispiel wiederum das DAX-Hebelzertifikat:

Basispreis unverändert 6000 Punkte

Indexstand: 9000 Punkte

Bezugsverhältnis 1 : 100

Formel: (9000 – 6000) x 0,01 = 30 Euro

In diesem zwar etwas übertriebenen, aber rechnerisch richtigen Beispiel hat der Dax-Wert 12,5 % zugelegt, das Hebelzertifikat jedoch 50 %.

Wie riskant sind Hebelzertifikate?

Hohe Gewinnmöglichkeiten, hohe Verlustmöglichkeiten, so lassen sich Investitionen in Hebelzertifikate am einfachsten beschreiben. Immerhin sind die Verluste auf den Kaufpreis des Hebelzertifikats beschränkt, wenn dieses die Knock-out-Barriere innerhalb der Laufzeit erreicht.

Der niedrige Preis macht wiederum Hebelzertifikate auch für Anleger mit geringerem Kapital interessant. Eine Stopp-Loss-Order kann zudem das Risiko des Totalverlustes begrenzen.

Hebelzertifikate werden ebenso ohne eine bestimmte Laufzeit angeboten, wobei auch bei diesen die unerbittliche Knock-out-Barriere vorhanden ist. Schon ein nur kurzfristiger Kurssturz des Basiswertes kann dafür sorgen, dass sich die Investition in Luft auflöst (natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, sodass z.B. Intraday-Verläufe nicht gezählt werden, sondern nur der Tagesendstand).

Dafür steht auf der anderen Seite die Hebelwirkung, die das eingesetzte Kapital in kurzer Zeit verdoppeln oder verdreifachen kann. Während andere ertragreiche Investitionen meist einen hohen Kapitaleinsatz erforderlich machen und durchaus ebenso mit Risiken behaftet sind, bieten entsprechende Online-Broker den Einstieg in den Handel mit Hebelzertifikaten schon ab 50 Euro an.

Ein weiterer Vorteil von Hebelzertifikaten liegt darin, das sie an der Börse gehandelt werden, wodurch zwar die Abgeltungssteuer fällig wird, dafür aber einheitliche Richtlinien hinsichtlich der Regulierung bestehen.

Klar ist natürlich, das Hebelzertifikate keine Sparbücher oder Festgeldkonten sind, die nach der Anlage kaum noch größere Beachtung benötigen. Hebelzertifikate verlangen je nach Art des darauf basierenden Wertpapiers sogar sehr viel Aufmerksamkeit.

Bei bestimmten Währungszertifikaten, wie etwa Euro und Dollar, sogar rund um die Uhr. Die meisten Anleger, die die Investition in Hebelzertifikate wagen, tun dies als Daytrader und schließen zum Ende des Börsentages alle offenen Positionen. Das hat mitunter auch den Vorteil, dass keine zusätzlichen Aufgelder entstehen.

Fazit

Wer in Hebelzertifikate investiert, darf sich ruhig auf sehr hohe Gewinne freuen, aber er oder sie sollte den Totalverlust des eingesetzten Kapitals verkraften können.

Obwohl Hebelzertifikate im Grunde einfacher und verständlicher aufgebaut sind als Optionsscheine oder Futures, empfiehlt sich eine gewisse Trainingszeit an einem Demokonto.

Ich persönlich mag Hebelzertifikate nicht. Wie auch CFDs gehören Hebelzertifikate zu den für mich eher synthetischen Produkten. Ich spekuliere einfach lieber mit dem Original.

Eines noch. Bitte verfalle nicht dem Irrglauben, dass eine nahe Knock-Out Barriere die besten Chancen bietet. Ganz im Gegenteil. Je höher der aktuelle Kurs des Basiswertes an der Knock-Out-Schwelle liegt, desto höher die Diskrepanz zwischen innerem und tatsächlichen Wert des Hebelzertifikates.

Wenn die Emittenten die Möglichkeiten bieten würden, ihre Scheine zu shorten, dann hätte ich schon vor vielen vielen vielen vielen Jahren den ultimativen Weg in die unbegrenzte allumfassende Finanzielle Freiheit genutzt.

Doch drei mal darfst Du raten, warum Hebelprodukte nicht geshortet werden können! (bitte nicht verwechseln mit short gehen, ich sprechen vom Shorten des jeweiligen Scheines selbst in die entgegengesetzte Richtung, als Optionshänder würdest Du sagen einen Call zu shorten 🙂

Jetzt bin ich aber etwas vom Fazit abgekommen. Also merke, je näher Basiswert an Knock-Out-Schwelle desto höher ist das Agio. Hohes Agio = Uncool.

Und entscheide Dich über den Broker Vergleich für einen Broker, der ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis für den Handel mit Zertifikaten hat.

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